Home   Grammatik   Links   Metrik   Realien   Schriftsteller   Inhalt


OVID, Metamorphosen XII, 39 - 63

FAMA - Social Media im Altertum

Ovid beschreibt, wie Gerüchte entstehen, sich verbreiten und verändern: Fama ist ein System, das Informationen sammelt, verarbeitet, verzerrt und verbreitet — und damit Macht erzeugt.


        Orbe locus medio est inter terrasque fretumque
40    caelestesque plagas, triplicis confinia mundi1;
        unde, quod est usquam, quamvis regionibus absit,
        inspicitur, penetratque cavas vox omnis ad aures:       

        Fama tenet summaque domum sibi legit in arce,
        innumerosque aditus ac mille foramina tectis
45    addidit et nullis inclusit limina portis;
        nocte dieque patet: tota est ex aere sonanti,
        tota fremit vocesque refert iteratque, quod audit;

        nulla quies intus nullaque silentia parte,
        nec tamen est clamor, sed parvae murmura vocis,
50    qualia de pelagi, siquis procul audiat, undis              
        esse solent, qualemve sonum, cum Iuppiter atras
        increpuit nubes, extrema tonitrua reddunt.
        atria turba tenet: veniunt, leve vulgus, euntque
        mixtaque cum veris passim commenta vagantur
55     milia rumorum confusaque verba volutant;              
        e quibus hi vacuas inplent sermonibus aures,
        hi narrata ferunt alio, mensuraque ficti
        crescit, et auditis aliquid novus adicit auctor.
        illic Credulitas, illic temerarius Error
60    vanaque Laetitia est consternatique Timores              
        Seditioque repens dubioque auctore Susurri;
        ipsa, quid in caelo rerum pelagoque geratur
        et tellure, videt totumque inquirit in orbem.

 

1 mundus triplex: mundus superus (Götter), mundus medius (Menschen, Tiere, Pflanzen), mundus inferus (Unterwelt, Tote)

 

Übersetzung
Mitten im Weltall gibt es einen Ort zwischen Erde, Meer und Himmel, das Grenzgebiet der dreifachen Welt. Von dort aus sieht man, was es irgendwo gibt, wenn es auch noch so weit entfernt ist; und jede Stimme gelangt zu den offenen Ohren. Fama wohnt dort, hat sich ihr Haus auf der höchsten Stelle gewählt, hat ihm unzählige Eingänge und den Dächern tausend Öffnungen hinzugefügt und mit keinen Türen die Schwellen verschlossen. Tag und Nacht steht es offen und ist ganz aus tönendem Erz. Rauscht zur Gänze, gibt Stimmen wieder und wiederholt, was es hört. Keine Ruhe herrscht drinnen, an keiner Stelle Schweigen, dennoch kein Geschrei, sondern ein Gemurmel leiser Stimmen, wie gewöhnlich von den Wellen des Meeres, wenn jemand sie zufällig aus der Ferne hören sollte, oder wie das Grollen, das der letzte Donner wiedergibt, wenn Iuppiter schwarze Wolken erschallen ließ. Die Hallen erfüllt eine Schar, die wankelmütige Menge kommt und geht, Lüge vermischt mit Wahrheit verbreitet sich ohne Unterschied. Tausend Gerüchte und konfuse Worte breiten sich aus. Die einen von diesen erfüllen die zugänglichen Ohren mit Gerede, die anderen tragen Geschichten weiter, das Maß des Erfundenen wächst und jeder neue Erzähler fü gt dem Gehörten etwas hinzu. Da gibt es Leichtgläubigkeit, da gibt es unbesonnenen Irrtum, grundlose Freude, bestürzte Ängste, plötzliche Unruhe und zweifelhaftes Getuschel, Fama selbst sieht, was im Himmel, auf dem Meer und auf der Erde geschieht und sie durchforscht die ganze Welt.

KI Interpretation

Metrische Analyse


HOME  Home      LATEIN  Schriftsteller